Notlügen: Muss man wirklich immer die Wahrheit sagen?

Jemanden absichtlich zu belügen – das lehnen wir wohl alle ab. Aber muss eine kleine Notlüge nicht doch manchmal sein? Klären wir das an einigen Beispielen!

„Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht“ oder auch: „Lügen haben kurze Beine“. Mit solchen und ähnlichen Sprichwörtern lernen wir von klein auf, dass Lügen etwas Böses ist. Aber gilt das auch für kleine Notlügen?

Hier könnte eine Notlüge angebracht sein

Lügen werden als unmoralisch verurteilt und bekanntermaßen kann man fürs Lügen sogar bestraft werden. Zum Beispiel wenn man vor Gericht die Unwahrheit sagt. Deshalb sollte es schon gute Gründe dafür geben, zu einer Notlüge zu greifen. Hier beispielhaft Situationen, in denen unsere Gesellschaft ein Auge zudrückt:

Die meisten von uns haben schon mal aus Unsicherheit, Scham oder sogar aus Angstgefühlen heraus gelogen. Eine Situation, in der wir zu Notlügen greifen, entsteht aber so oft, dass sie aus unserem Alltag gar nicht wegzudenken ist: Wenn wir höflich sein wollen, verzichten wir oft darauf, die Wahrheit zu sagen. Auf die Frage „Na, wie sehe ich aus?“ hört man also meistens ein „Ganz schick!“ statt ein „Um Himmels willen!“, selbst wenn Letzteres gedacht wurde. Oder man wurde zum Essen eingeladen und bekocht und die berühmte Frage kommt: „Na? Schmeckts?“ Wer wird da schon ehrlich zugeben, dass man arg würgen musste? Also sind Notlügen dann erlaubt, wenn wir höflich sein und anderen nicht vor den Kopf stoßen wollen. Erst recht, wenn sich unser Gegenüber besonders große Mühe gegeben hat, uns etwas Gutes zu tun!

In vielen anderen Situationen geht es darum, Enttäuschungen bei anderen Menschen zu vermeiden. Auch hier zeigt sich die Gesellschaft in Bezug auf Notlügen eher nachsichtig. Angenommen ein:e Freund:in freut sich wie ein kleines Kind auf ein neues Gadget und fragt nach der lang ersehnten Lieferung: „Cool, oder?“ Wer will da so gemein sein und „Überhaupt nicht!“ sagen? Und je größer die Freude beim Gegenüber, umso wahrscheinlicher wird die Notlüge, wenn man selbst so gar nichts damit anfangen kann. Bei einem Gadget ginge die Enttäuschung ja vielleicht noch. Bei einer teuren neuen Wohnungseinrichtung kann das schnell ganz anders aussehen. Weil wir eben mit der Wahrheit andere nicht nur enttäuschen, sondern auch verletzen können!

Nicht auszudenken, wenn wir immer aussprechen, würden was wir wirklich denken. Stattdessen versuchen wir oft einfach nur, nicht unfreundlich zu wirken.

Wünscht uns jemand einen schönen Tag, geben wir reflexhaft ein „Danke ebenso!“ zur Antwort. Selbst wenn wir die entsprechende Person nicht leiden können. Richtig ehrlich sind wir da also auch nicht. Oder wir werden beim Small Talk mit persönlichen Fragen bombardiert und flunkern, um der Situation zu entfliehen.

Ihr seht: Bei Notlügen geht es ganz einfach gesagt darum, Konflikte zu vermeiden. Oder positiver ausgedrückt: die vorhandene Harmonie zwischen Menschen oder in einer Situation möglichst aufrecht zu erhalten, statt die Wahrheit zu sagen.

Notlügen – was sagt die Wissenschaft?

Notlügen sind in vielen Situationen erlaubt, weil sie eben aus der Not heraus geboren sind! Man benutzt sie nicht, um sich materielle Vorteile zu verschaffen oder andere zu manipulieren. Auch nicht, um eigene Fehler zu vertuschen und andere darüber zu täuschen. Man weiß sich nur halt nicht anders zu helfen als mit einer Notlüge. Die Wissenschaft sieht das deshalb ganz pragmatisch.

Bestimmte Lügen sind für ein gutes Miteinander wichtig, denn ohne sie könnte unsere Gesellschaft vor lauter Konflikten kaum funktionieren. Forscher unterscheiden dabei zwischen selbstsüchtigen Lügen und eben – Notlügen. Erstere bugsieren einen mit der Zeit ins gesellschaftliche Abseits. Letztere soll man tolerieren, weil sie niemandem schaden und unseren Alltag leichter machen.

Trotzdem achtsam mit der Wahrheit umgehen

Dass Notlügen das Leben einfacher machen können, sollte aber natürlich nicht als Freifahrtschein verstanden werden. Nicht, dass die Zahl eurer kleinen Notlügen irgendwann ein eher ungesundes Ausmaß annimmt. Aber so lange ihr euch immer dessen bewusst seid, warum die Wahrheit zu sagen gerade vielleicht unangemessen wäre, ist die eine oder andere Notlüge wirklich nicht so verwerflich. Ungelogen.